Die Ringelnatter. Furcht und Faszination.

Schlangen wecken wechselbadige Gefühle: Die einen fürchten sie, die anderen sind fasziniert von diesem urtümlichen Wesen. Wegen des schwindenden Lebensraums selten gewordene Arten wie die Ringelnatter finden im Wasserschloss Zuflucht.

Text: Ulrike Matter Bilder: Markus Staub, shutterstock

«Das riecht man noch Tage später», so Markus Staub, Mitglied des Vorstands der Vereinigung Pro Wasserschloss. Er meint das übel riechende Sekret, das die Ringelnatter absondert, wenn sie, von wem auch immer, gepackt wird. Die Erstreaktion der Ringelnatter wäre zwar, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Funktioniert das nicht, windet und dreht sie sich, droht mit Bissen, was sie allerdings nie in die Tat umsetzt. Und schliesslich folgt eben jenes Sekret. Nützt all das nichts, gibt sie die „sterbende Schlange“: Sie dreht sich auf den Rücken, lässt die Zunge aus dem Maul hängen und verdreht die Augen wie im letzten Todeskampf. Einige können sogar Blut aus dem Maul sickern lassen. Ihr Kalkül dabei ist wohl, dass niemand freiwillig stinkendes Gammelfleisch fressen würde, und dass sie als bewegungslose Beute für so manchen Jäger uninteressant wäre. Das ist leider nicht immer der Fall: Einen hungrigen Greifvogel beeindruckt das herzlich wenig, im Gegenteil, so wohl das Kalkül vonseiten des Greifvogels, so kann er sich ja die Mühe, die Schlange selber zu metzgern, sparen.

Frassfeinde und gefährdeter Lebensraum

Aus gutem Grund ist die nicht sehr wehrhafte Ringelnatter also ein eher scheues Wesen, stellen ihr doch zahlreiche Frassfeinde nach. Markus Staub zählt auf: «Da wären Greifvögel, Reiher, Krähen, Marder, Fische, Artgenossen und schliesslich auch der Homo sapiens.» Der sei zwar kein Frassfeind, töte aber oft aus Furcht und Unwissenheit die harmlose Schlange. Und er nähme ihr den Lebensraum: Feuchtgebiete, wie das Wasserschloss, seien immer seltener.

«Durch die grossen Flusskorrekturen fehlen den Flüssen, je nach Jahreszeit, Schlepp- und Umgestaltungskraft. Früher gab es auch fern der Hauptrinne die sogenannten Geschwemmselhaufen, die auch nicht von jedem Hochwasser wieder umgestaltet wurden», erklärt Markus Staub.

Im Wasserschloss sei die Aare zwar noch freifliessend aber Topografie und intensive Nutzungen ausserhalb der Waldbereiche schränkten die Gestaltungskraft des Flusses ein, so Markus Staub.

Brutkästen und Kinderpflege

Und so ist die Ringelnatter an vielen Orten auf Hilfe angewiesen. Für die Ringelnatter im Wasserschloss engagiert sich z. B. der Natur- und Vogelschutzverein Brugg. Mitglieder des Vereins erstellen Ast-, Laub- und Streuhaufen im Auenwald. Die Moderwärme, die beim Zersetzen und Verfaulen dieser Biomasse entsteht, ist für die Eier der Ringelnatter ein Brutkasten. Einmal dort abgelegt, überlässt die Ringelnatter die Eier ihrem Schicksal, und schlängelt wieder ihrer Wege. Mit der späteren Kinderaufzucht hat sie nichts mehr am Hut.

Ausdauernde Jägerin

Wer als Ringelnatter geboren wird, braucht vor allem eines: Geduld. Denn das Raubtier Schlange ist darauf angewiesen, dass sich irgendein Beutetier in ihre Nähe begibt, um sich auffressen zu lassen. Freiwillig macht das aber fast niemand, und so muss die Ringelnatter gelegentlich etwas länger mit hungrigem Magen, zusammengezogen wie eine Spiralfeder, jederzeit bereit zur Attacke, ausharren. Immerhin haben Ringelnattern die Option, zu Land und zu Wasser zu jagen. Sie können sehr gut schwimmen, was durchaus Sinn macht - sie ernähren sich hauptsächlich von Amphibien, Fischen, Molchen, Larven und Insekten, die sie auf einen Happs bei lebendigem Leib verschlingen. Für den Menschen ist die Ringelnatter absolut ungefährlich. Hierzulande gilt: Eine Schlange mit runden Pupillen ist ungiftig, giftige Schlangen wie Vipern haben geschlitzte Pupillen.

…und sie hören doch

Die Ringelnatter ist – wie alle Schlangen – im gängigen Sinne taub. Allerdings verfügt sie über ein Innenohr samt funktionstüchtiger Hörschnecke. Legt sie den Kopf auf den Boden, kann sie über ihr Innenohr feinste Vibrationen wahrnehmen und so Bewegungen potenzieller Beutetiere «hören». Über die beiden Hälften ihres Unterkiefers hat die Schlange sogar Stereoempfang, weiss also, ob der Frosch nun von rechts oder von links kreuzen wird. Wie alle Schlangen riecht die Ringelnatter mit der Zunge. Dabei werden Duftstoffe von der Zunge auf das Jacobsonsche-Organ, zwei kleine Grübchen im Gaumen, übertragen und dort analysiert. Und schliesslich sieht die Ringelnatter sehr gut, nicht selbstverständlich für eine Schlange.

Halbmond und Schachbrett

Bis über einen Meter lang mit einem Durchmesser bis zu zwei Zentimetern werden die Weibchen, die Männchen werden selten länger als einen Meter. Allerdings wachsen Ringelnattern ihr ganzes Leben lang, weswegen zwischendurch auch immer mal wieder ein Kostümwechsel angesagt ist, und die Schlange sich häuten muss. Ringelnattern sind meistens sehr gut an dem halbmondförmigen Fleck hinten am Kopf zu erkennen, der mal gelb, mal orange ist. Allerdings ist auf den Fleck kein Verlass, denn der kann auch mal schwarz sein. Über ihren Bauch zieht sich ein Schachbrettmuster, und das ist so individuell wie ein Fingerabdruck.

Von Mäusen und Nattern

Ringelnattern überwintern in Höhlen und Gängen im Boden, gerne in grösseren Gruppen. Perfekt geeignet dafür sind Mäusehöhlen. Nicht ganz klar ist, was Frau und Herr Maus dazu zu sagen haben, wenn ein Haufen winterstarrer Schlangen bei ihnen schläft. Denn sind Ringelnatter und Hunger gross genug, könnte es gegen Ende der Winterruhe, zwischen Ende April und Ende Mai, auch schon mal der pelzige WG-Partner zum Z’nüni sein. Doch eigentlich haben es Ringelnattern im Frühjahr sehr eilig, aus der Höhle wegzukommen, schliesslich ist jetzt Paarungszeit und da will jeder der Erste sein. Die Weibchen werden dabei stürmisch von mehreren Männchen umworben. Derjenige, der ihre Gunst erlangt, hat dann Pech, wenn Frau Ringelnatter sich erschreckt und flüchtet. Unfähig, sich rechtzeitig zurückzuziehen, wird Mann auf der Flucht über Stock und Stein einfach mitgeschleift. 

Ringelnatter am Wasserschloss

Die Ringelnatter ist heute die einzige Schlange im Wasserschloss, doch ist die Anzahl der Individuen nicht wirklich abzuschätzen. Markus Staub tippt auf «wenige hundert Exemplare». Also, wer demnächst bei einem Spaziergang im Wasserschloss eine Schlange sieht, kann recht unbesorgt ihren Anblick und ihre Besonderheit geniessen. Ausser sie ist etwas über zwei Meter lang, dann könnte es sich natürlich auch um eine ausgesetzte Anakonda handeln.

 

Dr. sci nat Ulrike Matter
ulrike.matter@bluewin.ch